Eine Begegnung mit Ulla Hahn

SCHWABACH – Im Rahmen der Schwabacher LesArt, dem bestens eingeführten Literatur-Festival, das jedes Jahr im Herbst stattfindet, hatte ich die große Ehre der Schriftstellerin Ulla Hahn zu begegnen.

Mit folgenden Worten (leicht modifiziert) durfte ich dem Publikum Autorin und Werk vorstellen:

Ulla Hahn vor der Lesung.

Ulla Hahn vor der Lesung. (Bild: Ursula Kaiser-Biburger)

“Gefragt nach ihrem Lieblingswort, antwortete Ulla Hahn in einem ZDF-Interview: „Liebe!“ Einschränkend führte sie weiter aus „Nicht besonders originell…“, um dann jedoch zu betonen „…aber unerschöpflich.“ Der Germanist Wulf Segebrecht stellte dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schlicht fest: „Die Liebesgedichte sind seit je Ulla Hahns ureigenes Revier.“

Ulla Hahn studierte selbst Germanistik, Soziologie und Geschichte in Köln und arbeitete nach ihrer Promotion zu einem literaturwissenschaftlichen Thema als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten. Später war sie Kulturredakteurin bei Radio Bremen. Über diese Zeit schreibt sie: „Nach vergeblichen Bemühungen, an der Universität Fuß zu fassen, hatte ich bei Radio Bremen eine Stelle als Literaturredakteurin bekommen. Es war eine Erlösung. Ich musste nicht mehr jeden Satz mit drei Fußnoten stützen, musste nicht mehr lesen, was wichtig war und schon gar nicht mehr Literatur über Literatur. Ich durfte mit Büchern umgehen wie in meiner Kinder- und Jugendzeit: wie mit Freunden. Und so sah ich auch meine Arbeit in der Redaktion an: Freundschaften zu stiften zwischen Buch und Hörer. Mit einem Wort: Ich durfte Bücher wieder lieben ohne Wenn und Aber.“

Ich finde, dieser Umstand ist ein Glück für Ulla Hahns Leser, denn es heißt weiter: „Ich schrieb. Wichtig war allein, dass ein Gedicht entstand und nicht an lauter vorweggenommenen Einwänden erstickte. […] Wäre ich an der Universität geblieben, ich hätte wohl keine Gedichte geschrieben.“ Doch nicht nur für Lyrik ist Ulla Hahn bekannt, auch ihre Prosa begeistert sowohl Publikum als auch die Kritiker: „Das verborgene Wort“ und „Aufbruch“ als die ersten beiden Teile einer großen Romantrilogie waren große Erfolge.

An diesem Abend stellt Hahn ihren neuen Lyrikband „Wiederworte“ vor. Der Band ist eine Antwort auf frühere Gedichte, etwa aus den Bänden „Herz über Kopf“ und „Freudenfeuer“. Der direkte Vergleich früherer und jüngerer Arbeiten ist ein besonderer Genuss für den Leser, um im Gegenwärtigen Vergangenes und im Vergangenen Gegenwärtiges zu entdecken, wie Wulf Segebrecht so schön formulierte. Erst der direkte Abgleich zwischen den alten und den neuen Texten lässt uns Leser die Qualität und die Entwicklung der Werke erkennen.

Auf die Frage „Für wen schreiben Sie?“ antwortete Ulla Hahn in ihrem Gedichtband „Unerhörte Nähe“ „Für den, der fragt.“ Sehr verehrte Frau Hahn: Fühlen Sie sich von uns allen gefragt!”

Ulla Hahn während ihrer Lesung in Schwabach. (Bild: Ursula Kaiser-Biburger)

Ulla Hahn während ihrer Lesung in Schwabach. (Bild: Ursula Kaiser-Biburger)

Nach der Lesung beantwortete sie trotz angeschlagener Stimme noch einige Fragen aus dem Publikum und signierte für viele der 160 Besucher ihre Werke.

Besonders spannend war für mich, dass ich noch mit ihr ins Gespräch kommen konnte: Von Erich Fried und Heinrich Böll (der ihr in den 80ern riet “Mädschen, wenn’de was werden willst, musste tingeln jehen!”) bis zu Poetry Slam konnte man mit ihr herrlich über Literatur sprechen. Eine spannende Autorin, die offen für Neues ist!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kultur

Fortbildung und Abgrenzung am Bodensee

Bregenz – Der Kongress „Arche Nova – Die Bildung kultivieren“ wurde ausgerichtet vom „Archiv der Zukunft – Netzwerk e.V.“ unter der Führung des Journalisten und Filmemachers Reinhard Kahl. Bei dem Verein handelt es sich um ein stark reformpädagogisch orientiertes Netzwerk, das sich der Schulentwicklung in allen Facetten widmet. Als Anhänger eines staatlichen Schulsystems (dessen Schwächen sicher gerade denen bekannt sind, die sich im System befinden) konnte man sich auf dem Kongress in einer Minderheitenposition fühlen.

Angemessen war, dass Reinhard Kahl in seiner Begrüßung am ersten Abend der Veranstaltung explizit die Vorgänge an der reformpädagogischen Vorzeigeeinrichtung Odenwaldschule thematisiert und gleichzeitig sein eigenes Bestürzen darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass seine erziehungswissenschaftlichen Vorbilder (v. Hentig, Becker) mutmaßlich in furchtbare Taten verwickelt waren. Am Samstagnachmittag wurde der Dokumentarfilm „Und wir waren nicht die einzigen“ von Christoph Röhl gezeigt, der bewegend und einfühlsam, aufklärerisch und deutlich war, ohne reißerisch zu sein. Die sich anschließende Diskussionsrunde mit Opfern (Dieter Grah, Adrian Koerfer und Jochen Weidenbusch), einem Wissenschaftler (Professor Herbert Ulonska) und Regiesseur Christoph Röhl vertiefte manche Fragestellung aus dem Film. Meine schnelle, emotionale und voreilige Schlussfolgerung, auf die absolute Distanzlosigkeit der mutmaßlichen Täter an der Odenwaldschule mit einer absoluten Distanz zu reagieren, ist wenig hilfreich: Ohne eine gesunde emotionale Nähe zu den Schülerinnen und Schülern wird man als Lehrkraft auch nicht herausfinden, wenn einem Kind im privaten, sozialen, familiären Umfeld etwas derart schreckliches wie sexueller Missbrauch widerfährt. Thematisch passend zu den Vorgängen an der Odenwaldschule referierte auf dem Kongress auch Professor Jürgen Oelkers zu „Eros und Herrschaft – Über die dunklen Seiten der Reformpädagogik“. Oelkers stellte in seinem Vortrag den Gründungsmythos der reformpädagogischen Bewegung in Frage.

Äußerst spannend war der Auftritt des bekannten Psychiaters und Psychologen Professor Manfred Spitzer, der zu „Selbstkontrolle – Über die exekutiven Funktionen“ referierte und anhand von Studien belegte, dass für Lern- und Schulerfolg vor allem Musik, Theater, Sport und Kunst wichtig sind – was in seinem Sinne an staatlichen Schulen mit den derzeitigen Stundentafeln einfach zu kurz kommt. In Kenntnis dieser Schwerpunktsetzung der Stundentafeln sollten die Lehrer aller Fächer versuchen, so viel körperliche und haptische Aktivierung wie möglich zu erreichen, damit die Schülerinnen und Schüler auch etwas von gut vorbereitetem Unterricht haben.

Der Kongress bot neben den oft wissenschaftlichen Vorträgen auch Workshops und andere Veranstaltungen an, die für mich in diesem Fall weniger interessant waren als die Vorträge. Ich wurde einerseits in manchen – bestimmt schlecht belegten – Vorurteilen bestätigt (gerade von Oelkers im Bezug auf „Bildungsideologien“), habe aber nichtsdestoweniger Zugang zu manchen z. B. aus der Montessori-Pädagogik stammenden Arbeitsformen gefunden.

Wichtigste Leitfrage bei den meisten Vorträgen (auch bei einer Präsentation zu kindgerechten und modernen Schulbauten) war für mich „Wie sind diese sinnvollen Ideen in das staatliche Schulsystem zu integrieren?“. Viele Dinge – wie etwa offene Lernformen und Methoden – sind leichter anzuwenden und auszuprobieren, bei anderen Vorträgen hat mir genau die Komponente gefehlt, wie diese sicher sinnvollen Gedanken umzusetzen sind. In einem der letzten Workshops trat dieses Problem sogar ganz wortwörtlich auf, als ein junger Referent, der über eine „unbedingte Schule“ sprach, nach der Finanzierung gefragt wurde. Seine Antwort (sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert): „Wir leben in einem reichen Land. Es ist genug Geld da.“ Und so eine Antwort kommt in einem Stadium, wo diese Schule in NRW als Ersatzschule bereits beantragt ist. Mag sein, dass man Ideen auch ohne Sachzwänge einmal zu Ende denken darf und muss – aber der Bezug zur Realität sollte nie außer Acht gelassen werden. Wunderbar präsentiert wurden auch kindgerechte Schulbauten, verteufelt wurden staatliche Schulhäuser als „Flure mit Klassenzimmern dran“. Gerne hätte ich aber eine Antwort vom Architekten gehört, ob denn staatliche Schulbauvorschriften nicht doch in Einklang mit einer schülergerechten Umgebung zu bringen sind.

Fazit: Es war ein interessantes Wochenende am Bodensee, das auf wissenschaftlicher Ebene spannende Inhalte brachte, gute Gespräche mit Kollegen, die seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Funktionen im System Schule aktiv sind. Der Kongress bot aber auch die Möglichkeit zur Abgrenzung („Wie will ich Schule nicht gestalten?“) und zur Fortentwicklung („Was will ich unbedingt einmal ausprobieren?“).

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schule und Referendariat